Olavarria, den 28.09.09
Wie lange hatte ich auf diesen Zeipunkt gewartet, endlich in den Flieger zu steigen und mich in das Abenteuer Argentinien zu stürzen! Wie oft hatte ich mir schon vorgestellt wie es sein würde, das erste Mal meiner Familie gegenüberzustehen, die Stadt zu sehen, in der ich das nächste Jahr leben werde und das erste Mal meine neue Schule zu betreten? Doch was mich in Wirklichkeit erwarten würde, davon hatte ich natürlich nicht die geringste Ahnung. Denn zu Beginn ist alles ein großes Abenteuer. Man lässt alles - Freunde, Familie, Schule und die gewohnte Umgebung - in Deutschland zurück und entscheidet sich stattdessen in einem Land am anderen Ende der Welt zu leben, das man nur aus Büchern kennt . Begriffen habe ich das glaube ich erst, als ich am Flughafen durch die Sicherheitskontrolle gegangen bin und mich zum letzten Mal zu meiner Familie und meinen besten Freunden umgedreht habe. Aber von diesem Zeitpunkt an, habe ich mich einfach nur gefreut, dass es endlich losgeht und der Abeschiedsschmerz war vergessen. In Frankfurt habe ich dann gleich all die anderen Austauschschüler getroffen, mit denen ich im Gruppenflug zusammen nach Buenos Aires geflogen bin. Die 13 Stunden Flugzeit vergingen so schnell, da man sich so viel zu erzählen hatte. Vor meiner Ankuft in Buenos Aires wusste ich aber noch nicht, dass ich in derselben Nacht noch alleine mit dem Bus sechs Stunden bis zu meiner neuen Heimatstadt Olavarria fahren würde, während die anderen Austauschschüler entweder von ihren Familien am Flughafen abgeholt worden oder die Nacht über im Hotel geblieben sind. Zuerst war ich natürlich ein bisschen überrascht. Schließlich war ich schon über 16 Stunden auf den Beinen und habe mir nichts lieber als ein Bett gewünscht. Aber die Rotarier haben sich so gut um mich gekümmert ,so dass ich mich in dieser riesen Stadt keine Minute lang alleingelassen oder verloren gefühlt habe. Auch im Bus wurde ich sofort von anderen Fahrgästen angesprochen, die wissen wollten woher ich komme und was ich hier machen. Diese offene und herzliche Art der Mensch, die mich jeden Tag aufs Neue begeistert, ist wohl ein Grund dafür gewesen, warum ich dieses Land gewählt habe und ich nach einem Monat sagen kann, dass ich mich schon wie zu Hause fühle. Anschluss zu finden war daher auch gar kein Problem. Sofort am ersten Tag habe ich die Freundin von meiner Gastschwester, die zur Zeit in Belgien ist, kennengelernt und sie hat mich sofort für denselben Abend eingeladen. An diesem Abend habe ich auch gleich alle getroffen, mit denen ich im Moment am meisten mache. Überhaupt lernt man hier ständig neue Menschen kennen. Auf der Straße, in der Disko, in der Schule oder im Park, überall wird man angesprochen von Menschen, die wissen wollen woher man kommt und was man hier macht. Was mir hier auch auffällt ist, dass der Umgang untereinander viel wärmer und herzlicher ist, besonders Fremden gegenüber. Allein die Art wie man sich begrüßt. Jeder bekommt ein Küsschen auf die Wange. Frau küsst Frau, Frau küsst Mann und Mann küsst Mann. Aber das Letztere nur, wenn man sich vorher schon einmal gesehen hat.
Meine Schule hier ist sehr anders als in Deutschland. Die Schule hier beginnt morgens um viertel vor acht und endet gegen zwölf oder ein Uhr. Bevor der eigentliche Unterricht anfängt, stellen sich alle Schüler klassenweise und nach Geschlechtern getrennt auf dem Schulhof auf und warten bis die argentinische Flagge und die der Schule gehisst wird. Eine eher ungewöhnliche Zeremonie für mich. Danach beginnt die Unterrichtsstunde, was aber nicht bedeuten muss, dass der eigentliche Unterricht anfängt. Die Schüler hier haben Einzeltische, mit denen es nicht ungewöhnlich ist,im Unterricht auch mal die Plätzezu wechseln, um sich mit anderen unterhalten zu können. Im Allgemeinen ist es in der Klasse immer sehr laut und es gib nur wenige Lehrer, die die Klasse im Griff haben. Auch ist es hier so, dass diejenigen, die in der Schule etwas lernen wollen, aufpassen und arbeiten,diejenigen jedoch, die keine Lust haben, machen eben nichts. Interessieren tut das die Lehrer hier wenig. Für die Schule muss ich im Moment noch nicht viel machen, da ich einfach noch nicht alles verstehe. Gelegentlich muss ich mal einen Aufsatz, zum Beispiel über die „Europäische Union“, schreiben oder etwas von der deutschen Kultur erzählen, mehr aber auch nicht. So lerne ich die meiste Zeit im Unterricht Spanisch. Mein Spanisch ist in der Zeit, in der ich jetzt hier bin schon viel besser geworden. Der Rotary Club vor Ort hat jetzt auch einen Spanischkurs für alle Austauschschüler in meiner Stadt organisiert, welcher dreimal die Woche stattfindet. In meiner Stadt sind insgesamt 10 Austauschschüler. Auf der einen Seite ist das natürlich von großem Vorteil, da man immer jemanden hat, mit dem man sich austauschauen kann, auf der anderen Seite muss man aber auch aufpassen, dass man nicht zu viel miteinander macht. Hier in der Schule gehe ich ungewöhnlicher Weise in den Abschlussjahrgang, was heißt, dass ich im Dezember die Schule hier beenden werde und nach den Sommerferien das Schuljahr wiederholen muss. So kann ich hier aber auch alles mitmachen. Von der Abschlussfahrt, über den Chaostag bis zum großen Abschlussball, der im Dezember stattfindet.
Meine Stadt Olavarria liegt im Zentrum der Provinz Buenos Aires und ist etwa 300 Kilometer von der Stadt Buenos Aires entfernt. Olavarria hat etwa 150.000 Einwohner und ist ein großes Dorf, in dem jeder jeden kennt und alle übereinander reden. Bis jetzt bin ich auch noch nicht wirklich aus der Stadt herausgekommen. Ich war nur einmal auf einer Distriktkonferenz von Rotary in Mar del Plata, wo ich aber von der Stadt selbst nicht so viel gesehen habe. Aber das wird sich bald auch ändern, denn meine erste Reise ist im Dezember und geht für sechs Tage in den Süden des Landes.
Mit meiner Familie lebe ich im Zentrum der Stadt in einem Einfamilienhaus. Meine Familie hier ist sehr klein, da meine Mutter alleinerziehend ist und nur noch der Kleinste bei ihr wohnt. Taco ist sieben Jahre und das reinste Energiebündel. Meine große Schwester studiert in Buenos Aires, wo ich sie demnächst auch noch besuchen werde. Mit meiner Familie verstehe ich mich bestens und ich habe mit meiner Mutter eher ein freundschaftliches als ein Mutter-Tochter-Verhältnis. Dass es hier im Haus kaum Luxus gibt und alles sehr einfach ist, damit habe ich gar kein Problem.
Eine andere Sache, die mir täglich zeigt, dass ich jetzt in einer anderen Kultur lebe, ist der Lebensrhythmus. Das Leben verlagert sich viel mehr in die Nacht hinein, besonders natürlich am Wochenende. Daher bin ich oft so müde nach der Schule, dass ich mich erstmal ins Bett lege und schlafe. Die Siesta habe ich jetzt schon lieben gelernt. Am Nachmittag in der Schulzeit läuft oft nicht so viel. Entweder schlafen alle oder bei gutem Wetter trifft man sich im Park um Mate zu trinken. Was bei Treffen in diesem Land nie fehlen darf, ist das Essen. Egal, wo man ist, immer gibt es etwas. Im Park gibt es Fakturas gefüllt mit Dulce de Leche, abends, bevor es ins Nachtleben geht, gibt es Empanadas oder Pizza, oder man trifft sich mit Freunden zum berühmten Asado. Das Abendessen ist meist erst um 22 Uhr. Eine andere Sache, an die ich mich zu Beginn auch erst sehr gewöhnen musste, war die Tatsache, dass das Nachtleben hier erst sehr spät beginnt. Um zwölf oder halb eins trifft man sich im Haus eines Freundes und geht dann später, so um halb vier in die Disko. Zu Hause bin ich dann oft erst um sieben Uhr. Dass die Straße am nächsten Morgen bis um drei Uhr völlig ausgestorben sind, dürfte daher nicht sehr verwunderlich sein. Am Sonntag Nachmittag treffen sich aber dann alle im Park. Die Musik in den Autos wird aufgedreht und alle sitzen auf der Wiese, erzählen, trinken Mate und essen natürlich;)
Ich genieße jetzt schon jeden Moment in vollen Zügen und bin wirklich glücklich hier. Denn wenn ich darüber nachdenke, wie schnell dieser erste Monat vergangen ist, habe ich eine leise Ahnung davon, wie kurz ein Jahr sein kann. Ich erlebe hier ständig so viele aufregende Sachen, so dass allein ein Wochenende zwanzig Seiten meines Tagebuchs füllen könnte.
Danke Rotary, dass ich diese tolle Erfahrung machen darf! Besonderer Dank gilt dem Rotary Club in Borken und dem Rotary Club Olavarria!
Mit den besten Grüße aus Argentinien,
Johanna
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TOLL =)
AntwortenLöschente quiero...!
jojoo..
AntwortenLöschenerzähl uns was von deinen letzten tagen! dein letzter eintrag ist schon wieder ganz alt! ;)
oh, mensch, ich vermiss dich! :-*
eva